Donnerstag, 21. Juli 2011

Sternstunde ...

ist in Musikrezensionen ein leider fast inflationär gebrauchter Begriff, der in den seltensten Fällen wirklich zutrifft. Vorgestern allerdings konnten die Besucher der "Festspiele Europäische Wochen Passau 2011" in der Passauer Studienkirche St. Michael tatsächlich eine solche Sternstunde erleben, als der "Concentus Musicus Wien" unter der Leitung seines Gründers Nikolaus Harnoncourt ein Programm mit vier Sinfonien von Joseph Haydn zur Aufführung brachte.

Mein journalistischer "Chef", der Ressortleiter Feuilleton der Passauer Neuen Presse, Raimund Meisenberger, hat dazu heute eine dem Anlaß ebenbürtige Rezension veröffentlicht, die punktgenau zutrifft und zudem ebenso vergnüglich zu lesen ist, wie es das Konzert war:
"Harnoncourt schlägt den höfischen Putz von Haydn ab, um zur Wahrheit seiner Musik vorzudringen, lässt ihn eine Spur rauer, durch die federnde Phrasierung auch schlanker, klarer klingen, das Menuett in der Paukenschlag-Sinfonie rumpelt dann gar wie ein rustikaler Walzer in der Dorfschenke daher. Und der Concentus Musicus spielt all das nicht nur mit Leichtigkeit präzise, sondern − und das macht seinen spezifischen Klangcharakter aus − ganz und gar organisch. Pointierte Tempi in beide Richtungen, Subito-Dynamikwechsel, sturzbachartige Läufe − alles geschieht ohne eine Spur Hektik, ausbalanciert und mit vorbildlicher Rücksicht auf die vielen kleinen Solopassagen. Jedes Detail ist da, und der Hörer mittendrin in einem risikofreudigen, fast möchte man sagen Musikantentum, in dem viel gelächelt wird beim Musizieren. Und wenn die Hörner dabei wirklich mal die Kontrolle verlieren? Na bitte, mir san ned im Porzellang’schäft, mir san im Konzert. Der Intendant wollte eine Sternstunde. Er hat sie gekriegt."
Persönlich möchte ich noch folgendes anfügen: Im Vergleich mit anderen bekannten "Originalklang"-Ensembles - auch mit solchen, die ich während der diesjährigen Festspiele selbst für die PNP rezensieren durfte (Concerto Köln, Kölner Akademie) - wirkt der Concentus Musicus wie das Original gegenüber (zwar guten, aber doch) Plagiaten. Nirgends sonst hat man so sehr den Eindruck, die "historische Aufführungspraxis" komme den eigentlichen Absichten des Komponisten nahe, wie bei dieser "Mater et Magistra" aller derartigen Ensembles und ihrem längst zur Legende gewordenen Leiter.
Was Nikolaus Harnoncourt offenbar über alle seine Kollegen himmelweit hinausragen läßt, ist der demütige Ernst, mit dem er dem Komponisten begegnet. Es gibt für ihn in den Werken der größten Meister keine zufälligen oder unwichtigen Noten, die man unbeachtet lassen dürfte. Der Komponist, der mit Tintenfaß und Federkiel vor seinem Notenblatt saß, hat jede Note bis zur kleinsten Zweiunddreißigstel einzeln aufs Papier gesetzt und sich überlegt, welche Note genau an dieser Stelle die einzig richtige sei - ein Verfahren, das im Zeitalter des "copy and paste"-Komponierens am PC nicht mehr selbstverständlich ist.
Und so läßt der Meister seinen Concentus Musicus auch spielen. Jede Note bekommt den Wert und die Zeit, die sie braucht; rhythmische Differenzierungen, Ritenuti, Ritardandi in feinsten Abstufungen geben der Musik Kontur, Charakter, sozusagen ein Gesicht. Freilich rauschen da die Sechzehntel im Allegro molto daher wie die Wilde Jagd, aber sie sind alle da, keine von ihnen wird verschluckt, auch nicht in der Bratsche oder in der zweiten Flöte. So wünscht man sich als Komponist, daß mit seinem Werk umgegangen werden möge.
Nie in meinem Leben habe ich einen vitaleren, schlüssigeren, überzeugenderen Haydn gehört als gestern - und anders möchte ich ihn eigentlich in Zukunft gar nicht mehr hören, es kann nicht mehr besser werden. Wieviel hinterkünftiger Humor, welche unglaubliche Formfülle, Satzkunst und musikalische Finesse in diesen Werken steckt, die es selbst mit Mozarts Sinfonien problemlos aufnehmen können - das war eine musikalische Offenbarung, die tatsächlich das Prädikat "Sternstunde" verdient.

1 Kommentar:

  1. Oh! Ich bin ein großer Fan von Harnoncourt, vor allem der Teldec-Kantate. Diese Epoche war... Glänzend!
    Ich teile mit Ihnen meinen Musikblog, hoffentlich gefällt er Ihnen. Vielen Dank und schönen Tag.

    AntwortenLöschen