Montag, 22. November 2010

Zum Tage

Cäcilia und Valerianus
(Apsismosaik in S. Cecilia, Rom)

Allen Kollegen und selbstverständlich auch Kolleginnen, die sich als Kirchenmusiker und/oder Komponisten um die rechte Pflege der Musica Sacra sorgen, wünsche ich zum heutigen Festtag unserer Patronin, der Heiligen Jungfrau und Märtyrerin Cäcilia, von Herzen alles Gute und ebensoviel Freude wie Standhaftigkeit im oft nicht leichten Dienst!

Heute mehr denn je sollten wir uns der Fürsprache dieser altehrwürdigen Patronin anvertrauen, die schon der Römische Meßkanon zu den Heiligen der Stadt Rom zählt. Und wir sollten uns dabei nicht von selbsternannten "Fachleuten" beirren lassen, welche das Patronat Cäcilias ebenso wie ihr Leben ins Reich der Fabel verweisen und als Mißgeschick der Hagiographie abtun wollen. Wenn auch vordergründig die Erwähnung der Orgel in ihrer legendären Vita zur Entstehung ihres Patronats führte, so ist es doch ein tiefer theologischer Gedanke, der Cäcilia zur legitimen Schutzfrau all jener Menschen macht, denen die Kirchenmusik nicht nur äußerlicher Zierrat, sondern unverzichtbarer Ausdruck des menschlichen Sprechens mit und zu Gott ist.
Im folgenden möchte ich dazu (gekürzt) einige Gedanken anführen, die ich zu diesem Thema in der Festschrift "SOLI DOMINO DECANTABAT" zum 70. Geburtstag meines Vaters Erich Weber im Jahr 2007 publiziert habe.

"Ausgangspunkt aller Überlegungen zum Musikpatronat der Heiligen ist ein Text aus ihrer Passio. Cäcilia hatte schon in früher Jugend ein Gelübde der Jungfräulichkeit um Christi willen abgelegt. Dennoch sollte sie dem vornehmen, aber heidnischen Jüngling Valerianus zur Frau gegeben werden. Um Christus die Treue zu halten, bat sie Gott unter Fasten und Gebet um Bewahrung ihrer Jungfräulichkeit:
„Es kam der Tag, an dem das Brautgemach bereitet wurde, und während die Orgel erklang, sang sie [Cäcilia] in ihrem Herzen allein dem Herrn und sprach: Mein Herz und mein Leib mögen unbefleckt bleiben, damit ich nicht zuschanden werde.“
Dieser Text, auf dem auch die zwischen 1263 und 1273 entstandene Schilderung der berühmten „Legenda Aurea“ des Dominikanermönches und Genueser Erzbischofs Jacobus de Voragine beruht, fand in zwei Fassungen Eingang in das Stundengebet zum Fest der Heiligen Cäcilia am 22. November, welches etwa seit dem 8. Jahrhundert gefeiert wird. In der ersten Nachtwache der Matutin lautet das Responsorium nach der ersten Lesung:
„Während die Orgel erklang, sang die Jungfrau Cäcilia in ihrem Herzen allein dem Herrn und sprach: Es mögen, Herr, mein Herz und mein Leib unbefleckt bleiben, damit ich nicht zuschanden werde. – Während sie zwei oder drei Tage fastete und betete, vertraute sie dem Herrn an, was sie ängstigte: Es mögen, Herr, mein Herz und mein Leib unbefleckt bleiben, damit ich nicht zuschanden werde.“
In kürzerer Form erscheint der Text als erste Antiphon zur Laudes und Vesper:
„Während die Orgel erklang, sang Cäcilia dem Herrn und sprach: Mein Herz bleibe unbefleckt, damit ich nicht zuschanden werde.“
Zu diesen Texten ist zweierlei anzumerken. Was eindeutig erscheint, ist die Tatsache, daß es sich bei dieser Musik zur Hochzeit der Cäcilia um heidnische Musik handelte, und daß ihre Erwähnung den schroffen Gegensatz zwischen dem ausgelassenen weltlichen Hochzeitslärm und dem stillen inneren Gebet der Heiligen kennzeichnen soll, die „in ihrem Herzen Gott allein sang“. Joseph Ratzinger, der heutige Papst Benedikt XVI., hat sich in mehreren bemerkenswerten Veröffentlichungen mit der Theologie der Musik beschäftigt und aufgezeigt, daß diese Sichtweise charakteristisch für die kirchliche Musikauffassung von den Kirchenvätern bis hin zu Thomas von Aquin und darüber hinaus ist. In besonders krasser Weise artikulierte der heilige Hieronymus seine Ablehnung einer Kirchenmusik, die vor allem der Selbstdarstellung der ausübenden Künstler dient:
„Singen, psallieren und lobpreisen müssen wir Gott mehr mit dem Geiste als mit der Stimme. Mögen dies die jungen Leute und die, denen die Pflicht des Psallierens in der Kirche obliegt, hören, daß man Gott nicht mit der Stimme, sondern mit dem Herzen singen muß, daß sie nicht in der Art der Tragöden Kehle und Schlund mit süßen Mitteln schmieren dürfen, so daß in der Kirche theatralisch gedrechselte und verschnörkelte Melodien ertönen, sondern daß sie Gott durch Gottesfurcht, gute Werke und Kenntnis der Heiligen Schrift zu preisen haben.“
Diese Einstellung der alten Kirche kommt in dem Responsorium zur Matutin klar zum Ausdruck, während die Antiphon zur Laudes und Vesper durch ihre in der Antiphonendichtung durchaus üblichen Auslassungen den Eindruck vermitteln kann, als habe Cäcilia selbst zur Begleitung der Orgel gesungen. Unterstützt wird letztere Interpretation von der sprachlichen Vieldeutigkeit des lateinischen Ablativus absolutus cantantibus organis, der nahezu gegensätzliche Übersetzungen erlaubt: „während die Orgel erklang“, „obwohl die Orgel erklang“, „wobei die Orgel erklang“ im Sinne von „zum Orgelklang“ – alle Versionen sind denkbar, wenn man nur das in corde suo soli [Domino decantabat] wegläßt.
(...) So kann zusammenfassend zunächst festgestellt werden, daß die Heilige Cäcilia zu ihrem Amt als Patronin der Musik aus rein historischer Sicht gekommen ist „wie die Jungfrau zum Kinde“. Während und obwohl bei ihrer Hochzeitsfeier der übliche musikalische Radau einer heidnischen Festgesellschaft herrschte, betete – „sang“ –  sie still für sich, „in ihrem Herzen“, allein zu Gott um die Bewahrung des abgelegten Jungfräulichkeitsgelübdes. Erst mittelalterliche Volksfrömmigkeit, die sich die Mehrdeutigkeit eines liturgischen Textes an ihrem Festtag zunutze machte, erhob sie in den Rang einer Schutzheiligen des Musizierens, seiner Hilfsmittel und handelnden Personen.
In Anbetracht der obigen Überlegungen erscheint dieses Patronat jedoch allemal gerechtfertigt, und das untrügliche Gespür des gläubigen Volkes scheint hier die vordergründige Weisheit der Fachhistoriker Lügen zu strafen. Cäcilia wird in ihrer Legende eindeutig mit Musik in Verbindung gebracht, soviel steht fest. Die Art und Weise, wie ihre Beziehung zur Musik geschildert wird, fügt sich zudem nahtlos in die Theologie der Musik ein, wie sie exemplarisch der Heilige Papst Gregor der Große formulierte:
„Wenn (...) der Gesang der Psalmodie aus der Innigkeit des Herzens heraus ertönt, findet der allmächtige Herr durch ihn einen Zugang zum Herzen (...). So steht geschrieben: ‚Ein Lobgesang bringt mir Ehre, und dies ist der Weg, auf dem ich ihm Gottes Heil zeigen will‘ (Ps. 49,23). Was nämlich auf Lateinisch salutare, Heil bedeutet, das heißt auf Hebräisch Jesus. Im Lobgesang wird daher ein Zugang geschaffen, wo Jesus sich offenbaren kann.“
Die Legende attestiert der Heiligen Cäcilia einen Vorbildcharakter genau wegen dieser „Innigkeit des Herzens“, die ihr Gebet bzw. ihren Gesang einen Weg zu Gott werden ließ. So wird sie zu Recht als Patronin der Musiker und ihrer Kunst verehrt – und zwar durchaus nicht nur als Patronin der Kirchenmusik, sondern der Musik im allgemeinen, die wie „jede wahre Kunst (..) Annäherung an den ‚Künstler‘, an Christus, an den Schöpfergeist“ ist (Joseph Ratzinger). Auch die Kirchenmusiker unserer Tage täten deshalb gut daran, ihre Patronin als Vorbild wiederzuentdecken. Denn nur dort, wo sich äußeres Tun mit dem Singen des Herzens allein zum Herrn vereint, kann Musik die Grenze zum heidnischen Getöse überschreiten und zur echten Kirchenmusik, ja zur musica divina werden."

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