Freitag, 24. September 2010

Immer, wenn man meint, ...

... es könne nicht mehr schlimmer werden, tagt die Bischofskonferenz. - Diesen Stoßseufzer eines befreundeten Kirchenmusikers bestätigt die heutige PRESSEMELDUNG DER DBK zum Abschluß der diesjährigen Herbstvollversammlung wieder einmal eindrucksvoll. Dort ist unter dem Punkt 7 "Liturgie" zu lesen:
"Ordo Missae – Deutsche Übersetzung:
Wir haben uns mit der deutschen Übersetzung des Messbuchs (Ordo Missae) von 2002 befasst. Der Erzbischof von Köln, Joachim Kardinal Meisner, hat uns als Präsident der Bischöflichen Kommission Ecclesia Celebrans, die neu erarbeitete Übersetzung zur Beschlussfassung vorgelegt. (...)
Die Deutsche Bischofskonferenz legt nun die neuen Messtexte den römischen Behörden zur Zustimmung vor."
Soweit, so gut, sollte man meinen. - Tatsächlich? Da wundert man sich man nach der Einführung der Editio typica tertia des Missale Romanum im Jahr 2002 erst einmal über ein drei Jahre langes Abwarten der zuständigen Bischöfe, bis sich schließlich 2005 eine Kommission konstituiert, deren Wirken von einer Offenheit und Transparenz gekennzeichnet ist, daß die italienische Mafia ob solcher "omertà" vor Neid erblassen möchte - die Mitglieder der Kommission herauszufinden, ähnelt der Suche nach der Stecknadel im Internet, und die Webpräsenz http://www.ecclesiacelebrans.de wird in ihrer Aktualität beinahe noch vom Buch Genesis übertroffen. Da hat man noch das STATEMENT VOM 30. MÄRZ 2005 des Kommissionsvorsitzenden und Kölner Erzbischofs Joachim Kardinal Meisner in Erinnerung, in dem es u. a. hieß:
"Es gilt, die bisherige Ausgabe des Deutschen Messbuches kritisch nach den Normen und Prinzipien der Instruktion Liturgiam Authenticam zu überprüfen. Neue bzw. in der Editio typica tertia des Missale Romanum von 2002 veränderte Texte sind ganz neu zu übersetzen. Die übrigen Texte sind Wort für Wort zu überprüfen und ggf. neu zu übersetzen. Für diese Texte allerdings gilt, dass die bisherige Fassung gleichsam der Maßstab ist, der nicht unterschritten werden darf. Texttreue, Verständlichkeit und sprachliche Qualität (...) dürfen nicht geringer werden, sondern müssen verstärkt werden. Wir brauchen nicht einfach neue oder andere Texte, sondern – wo es notwendig und möglich ist – bessere Texte."
Und dann liest man heute im erwähnten Pressetext nicht nur die oben bereits zitierten Aussagen, sondern auch noch folgendes:
"Dabei sind wir der Auffassung, dass das bisherige Deutsche Messbuch (2. Auflage) weithin den Anforderungen einer textgetreuen Übersetzung entspricht, wie sie in der Vatikanischen Instruktion „Liturgiam authenticam“ gefordert wird. Es besitzt eine religiöse Sprache, die sich in der liturgischen Praxis der letzten Jahrzehnte bewährt hat. Viele Texte sind Priestern und Gläubigen durch den praktischen Vollzug vertraut. Dieser hohe Wert darf durch eine grundständig neue Übersetzung nicht gefährdet werden. Die Rezeption des künftigen Messbuchs darf wegen der Übersetzung einzelner Grundwörter oder der ohne inhaltliche Notwendigkeit erfolgenden Ersetzung bisher guter deutscher Texte durch verfremdete Neufassungen nicht insgesamt gefährdet werden."
Hallo, geht's noch? Eine etwa fünfzigköpfige Kommission braucht geschlagene fünf Jahre, um herauszufinden, daß es am bisherigen Meßbuch nichts Nennenswertes zu verbessern gibt? Und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz traut sich das öffentlich zu sagen, ohne dabei rot zu werden und vor Scham im Boden zu versinken? Man faßt es einfach nicht. Als katholischer Christ, der außer beim Finanz- und Einwohnermeldeamt auch noch in Glaubensdingen auf das Attribut "römisch" Wert legt und dem die Kirche mehr ist als ihr deutschnationales Zerrbild à la DBK und ZDK, empfinde ich es nur noch als eine Schande sondergleichen, mit welch dreister Kaltschnäuzigkeit hier Tatsachen verdreht werden.

Denn von "Texttreue" gegenüber dem maßgeblichen lateinischen Original kann in zahlreichen Texten keine Rede sein. Das betrifft nicht nur das Musterbeispiel des "für alle" anstelle des korrekten "für viele" beim "pro multis" des Meßkanons; das betrifft ebenso andere Texte des Meßordinariums (besonders das Gloria, punktuell auch Credo, Sanctus und Agnus Dei), von den wechselnden Teilen der Messe ganz zu schweigen. Die von Erzbischof Zollitsch erwähnten "verfremdeten Neufassungen" sind schon seit 1975 die Realität in unseren Gottesdiensten! Sie trotz ihrer offenkundigen Mängel als sakrosankt hinzustellen, noch dazu mit dem Verweis, daß man sie ja inzwischen als "normal" gewöhnt ist, offenbart schon ein gehöriges Maß an Frechheit. (Abgesehen davon ist dieses Argument ausgesprochen neu, denn in den 1970er Jahren hatte man derartige Skrupel keineswegs, als man den katholischen Gläubigen über Nacht einen durch und durch neuen Meßordo überstülpte. Vogel friß - oder stirb ...)
Fast schon müßig scheint der Hinweis, daß das Vorgehen der Deutschen Bischofskonferenz in dieser Angelegenheit auch im Blick auf den schuldigen Respekt (um nicht zu sagen Gehorsam) gegenüber dem Heiligen Vater ein Skandal ist. Man läßt einmal mehr nichts unversucht, um dessen Bemühungen um eine konzilsgemäße Reform der Liturgie zumindest hierzulande zu hintertreiben und zu konterkarieren. Nirgends gelten Wort, Wille und Wunsch des deutschen Papstes weniger als in seiner Heimat, wie es scheint. Und die an den Tag gelegte Hinhaltetaktik läßt befürchten, daß mancher Entscheidungsträger insgeheim schon ein neues Pontifikat im Blick hat, mit dem sich die derzeitigen Scherereien dann erübrigen könnten.
Zwei Überlegungen sind es jedoch, die meine Hoffnung nähren, daß dieses unglaubliche Verhalten letztlich nur als verzweifeltes Aufbäumen einer in den letzten Zügen liegenden Mißwirtschaft zu werten ist. Zum einen kann das "Wir" der Presseerklärung nicht darüber hinwegtäuschen, daß es wohl auch in der Deutschen Bischofskonferenz echte Hirten gibt, die im Herzen mit dem Heiligen Vater übereinstimmen und denen die Überarbeitung des Meßbuches in seinem Sinne ein Anliegen ist. Daß sie sich noch nicht öffentlich outen, mag man einerseits bedauern, andererseits aber als Zeichen von Diplomatie werten, mit der sie die (mit ziemlicher Sicherheit erfolgende) Ablehnung allzu "freier" Texte durch die vatikanische Gottesdienstkongregation zunächst abwarten.
Denn diese Behörde, zum zweiten, hat bereits bei der inzwischen beendeten Neufassung des englischsprachigen Missale bewiesen, daß sie sich keineswegs einschüchtern oder über den Tisch ziehen läßt und in puncto Texttreue keine falschen Rücksichten auf "Interpretationsspielraum" oder falsche Gewohnheiten zu nehmen gewillt ist. Wenn das künftige deutsche Meßbuch auch nur annähernd so sorgfältig am lateinischen Original bleibt wie das englische, dann wäre viel gewonnen.

Kommentare:

  1. Auch von mir! Aber von unseren Bischöfen gibt es eben nichts anderes zu erwarten außer "Alles soll so bleiben wie bisher". Bleibt zu hoffen, daß Rom da einen Strich durch die Rechnung macht.

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  2. Sie bringen es auf den Punkt. Als Katholik schaue ich seit den Sturz von Bischof Mixa, eh jetzt nur immer was Rom sagt.

    Jo Fichtel Facebook

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  3. Anlässlich der oben zitierten Presseverlautbarung habe ich mal die lateinische und die deutsche Fassung des Tagesgebetes vom kommenden Sonntag verglichen und auf meinem Blog eingestellt. Die inhaltliche Übereinstimmung beträgt ungefähr 50%. Gibt es Quellen zu dem Problem?

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  4. Ein ganz dickes Danke für diese klaren Worte! Ich verlinke in "MEIN PREDIGTGARTEN" darauf.

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  5. Danke für Deinen Beitrag!
    Du hast es auf den Punkt gebracht!

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  6. ganz ausgezeichneter artikel, der stil ist sehr angenehm zu lesen, kurzweilig, und ausserdem inhaltlich voellig richtig! danke!

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  7. Herzlichen Dank Herr Weber für die guten und wahren Worte. Wie kriegt man die Herren Bischöfe dazu, dies auch zu lesen? - und nicht nur die Mainstreemmedien!

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  8. Stmme als Priester den Ausführungen aus voller Überzeugung zu!!! Danke für diese klaren Worte!

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  9. Großartiger Beitrag! Ich würde ja mal gerne wissen, wie einige unserer Hirten reagieren, falls sie das hier mal lesen würden. Das deutsche Episkopat muss sich langsam mal von der Angst befreien, man könne ja als unmodern gelten.
    Zum Glück gibt es mittlerweile eine große Zahl jüngerer Bischöfe einer neuen, mutigen Generation.

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  10. Tja mich vertritt das ZdK auch nicht und die DBK ist ja nur noch eine Face, also echt peinlich was sich unsere Oberhirten in Deutschland leisten. Man sollte Ihnen echt mal diesen Text hier zu kommen lassen, vielleicht geht ja wenigstens denen, die noch konservativ und treu sind die Augen dadurch mal auf, dass mal endlich "auf den Tisch gehauen werden muss" und nicht die Wischiwaschi-Theologie ein Kriterium sein darf, aber bin ja eh davon überzeugt, in der Ewigkeit bekommen die meisten der derzeitigen deutschen Bischöfe ordentlich "ihr Fett ab".

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  11. In zeiten der Gehorsamswüste Deutschland tut einem ein solcher Beitrag direkt gut. d'accordo!

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  12. Danke für diesen treffenden und durch nichts zu verwässernden Beitrag!

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  13. "Denn diese Behörde, zum zweiten, hat bereits bei der inzwischen beendeten Neufassung des englischsprachigen Missale bewiesen, daß sie sich keineswegs einschüchtern oder über den Tisch ziehen läßt und in puncto Texttreue keine falschen Rücksichten auf "Interpretationsspielraum" oder falsche Gewohnheiten zu nehmen gewillt ist. Wenn das künftige deutsche Meßbuch auch nur annähernd so sorgfältig am lateinischen Original bleibt wie das englische, dann wäre viel gewonnen."

    Der Begriff "Behörde" bringt auf den Punkt, worum es hier geht: Gängelung vom fernen Schreibtisch aus. Das desaströse neue deutsche Beerdigungsrituale hat ja gezeigt, wie "fruchtbar" die Ausrichtung an "Liturgiam authenticam" ist. Zum Glück wurde da die Notbremse gezogen, die trauernden Angehörigen müssen nicht sich weiter mit latinisierenden Trost-Floskeln abspeisen lassen. Man kann nur beten, dass bei der Neufassung des Messbuchs dem deutschen Sprachraum nicht ein solcher Schildbürgerstreich wie im englischen Sprachraum blüht.

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  14. Treffend geschriebener Beitrag! Danke für die klaren Worte, die - wie Sie sehen - von vielen gedacht werden. Ich für meinen Teil erlebe es allerorts, wie die nachfolgende Generation genug hat von diesen Entstellungen der Liturgie. Das lässt für die kommenden Jahrzehnte hoffe ;).

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  15. Schon schlimm, wenn man überlegt, dass wir von Hirten geleitet werden die in vielen Fällen noch weniger treu zu Rom stehen als viele Gläubige. Ich gebe dem Autor voll und ganz Recht und hoffe, dass sich möglicherweise eine gute, texttreue Übersetzung durchsetzen wird.

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