Montag, 9. August 2010

"Tolle Kirchen, aber keine Leute drin"

Ich möchte nicht versäumen, an dieser Stelle auf eine höchst lesenswerte REPORTAGE VON HANNES HINTERMEIER in der heutigen Online-Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen" hinzuweisen, die man in ihrer neutral-beobachtenden Sprache bei schonungsloser Offenheit des Inhalts getrost als ein Musterbeispiel für jenen Qualitätsjournalismus bezeichnen darf, den man in der Kirchenberichterstattung der vergangenen Monate so oft schmerzlich vermißte.

Unterfüttert mit Statements des Limburger Bischofs Franz-Peter Tebartz-van Elst und des seit zwei Jahren in Frankfurt studierenden Kameruner Priesters Andrew Ngah beschreibt Hintermeier den in allen relevanten Punkten desolaten Zustand der katholischen Kirche in Deutschland. Einige Zitate aus dem langen Text:
"Das öffentliche Bild der katholischen Kirche in Deutschland wird geprägt von prügelnden Klosterbrüdern, einem alkoholkranken Bischof, pädophilen und homosexuellen Priestern. Die Amtsträger mauern entweder oder rechnen öffentlich miteinander ab. Und über allem thront der vermeintlich distanzierte Papst aus Deutschland, den in diesen Strudel hineinzuziehen nicht ganz gelungen ist. An Versuchen hat es nicht gefehlt. (...) Die Rolle des Papstes in der Kirche wird dabei mit Begeisterung fehlinterpretiert - als wäre er ein Fußballtrainer oder Vorstandsvorsitzender."
"Solidarität mit dem Papst ist besonders bei deutschen Bischöfen keine Paradedisziplin."
"Vierzig Jahre liegt der Aufbruch zurück, die Achtundsechziger gehen demnächst in Pension. Sie haben ihren Kurs auf die Bedürfnisse der Gesellschaft abgestimmt, genützt hat auch das nichts. Nun macht sich angesichts einer verdörrenden Glaubenslandschaft Desillusionierung breit. Believing without belonging: Kirche wird heute gern als religiöse Dienstleistungsgesellschaft genommen, Caritas und Diakonie genießen ein höheres Ansehen als die Amtskirchen. Aktive Gemeindearbeit ist schon weniger beliebt, und so macht das Unwort von der „Verkernung“ die Runde: ein schrumpfender Kern von teilweise extrem engagierten Aktiven bestimmt das Milieu und die Atmosphäre in der Gemeinde."
"Die Kirche erreicht von zehn Sozialmilieus nur noch drei: Konservative, Traditionsverwurzelte und Teile der bürgerlichen Mitte. Keine Chance bei Hedonisten, Konsumidealisten oder sogenannten „modernen Performern“. Die haben am Sonntag andere Ziele."
"„Die katholische Kirche ist universale Weltkirche, die sich in Ortskirchen darstellt. Evangelischerseits gibt es das Verständnis einer Landeskirche mit starkem Ortsbezug.“ Heißt für die Katholiken: Der Ort darf sich nicht selbst genügen. Das tut er aber oft genug, häufig den Priester eingeschlossen. Da wird die sonntägliche Predigt genutzt, um die eigenen Glaubenszweifel zu thematisieren - anstatt das Evangelium zu deuten. Und wie aufgeweicht und nachlässig mit der Liturgie umgegangen wird: Da wird keine Brücke gebaut für die nachwachsenden Generationen, die gar nicht wissen, was da geschieht, weil es ihnen niemand erklärt."
"Für den Schriftsteller Martin Mosebach steht fest: Hier ist ein Großexperiment gescheitert. Die „Aggiornamento-Kirche“, die sich anpassende Kirche, habe Generationen den Glauben gekostet. Tebartz-van Elst stützt die These, insofern er einräumt: „Liturgie ist nicht Event. Gott handelt an uns. Aller Aktionismus in der Liturgie hat augenscheinlich nicht zu einer Vertiefung des Glaubens beigetragen.“"
"Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken etwa, ein Zusammenschluss von mehreren kirchlichen Vereinen, spricht gewöhnlich im Gestus höchster Autorität, obwohl es nicht legitimiert ist, „die“ Katholiken zu repräsentieren."
Lesen Sie auch den Rest, es lohnt sich!
Und die private Anmerkung sei noch gestattet: Bei der nächsten Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz sollte diese Reportage als einziger Tagesordnungspunkt gelesen und meditiert werden - um dann die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Die könnten eigentlich nur darin bestehen, endlich Schluß zu machen mit der gescheiterten "Pastoral", die das Katholische immer mehr an die Welt anpaßt anstatt die Welt zu evangelisieren. Gerade die Kirche in unserem Land müßte nicht erst lange nach einem Vorbild für die nötige Kehrtwende suchen - wir haben sie seit 2005, wie Bischof Tebartz-van Elst weiß:
"„Papst Benedikt steht für einen Glauben, der inhaltlich in der Lage ist, den Diskurs mit dieser Welt zu führen - für das gewinnnende Profil einer Kirche mit Tiefe und Weite.“"
"Ja, dann tut doch endlich das, was er sagt" möchte man dem Limburger Oberhirten und all seinen Amtsbrüdern zurufen - "und zwar schleunigst, mit dem tatkräftigen Engagement echter Hirten!"

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