Dienstag, 9. März 2010

Noch einmal Domspatzen


Durch die heutigen Tageszeitungen geistern Auszüge aus einem Interview mit Domkapellmeister emeritus Georg Ratzinger, die teilweise nicht ganz den Tenor seiner tatsächlichen Aussagen treffen. Das VOLLSTÄNDIGE INTERVIEW ist in der PASSAUER NEUEN PRESSE erschienen und wurde geführt von PNP-Redakteur Karl Birkenseer, der selbst ehemaliger Domspatz und Vorstandsmitglied im Verein "Freunde des Regensburger Domchors" e.V. ist.

Dazu möchte ich aus eigener Erfahrung noch kurz folgendes anmerken:

Unter Domkapellmeister Ratzinger ging es streng zu, manchmal auch sehr streng - und zwar dort, wo seine Zuständigkeit lag: in den Chören der Domspatzen, vor allem im von ihm persönlich geleiteten "1. Chor". Ich kann mich noch gut an unsere erste Männerchorprobe nach dem Aufrücken aus dem 2. in den 1. Chor (Januar 1984) erinnern, die Domkapellmeister Ratzinger mit einer "Feldherrnrede" eröffnete. Unvergessen ist mir dabei sein Satz: "Für einen Chor, der ein Spitzenniveau haben und halten will, gibt es nur eine denkbare Regierungsform: Die uneingeschränkte Diktatur des Chorleiters." Die Autorität des "Cheefs" in musikalischen Belangen war für uns unantastbar, jeder ordnete sich seinen Wünschen unter. Und zumindest in meiner eigenen Zeit habe ich es niemals erlebt, daß er seine Autorität mit zweifelhaften Mitteln hätte aufrechterhalten müssen.
Allerdings hatten einige wenige Mitschüler ihre liebe Not mit ihm, das sei auch nicht verschwiegen: zumeist solche, die nicht die aus seiner Sicht unabdingbare Disziplin für den Chor mitbrachten. Aus diesem Grund versandete manche Sängerkarriere in den Niederungen der Nachwuchschöre oder mußten eigentlich gute Sänger von Konzertreisen daheimbleiben, weil ihre auch charakterliche Zuverlässigkeit aus Sicht des "Cheefs" nicht zweifelsfrei feststand. Sich mit seinen Sängern bei den Konzerten oder in den Gastfamilien zu blamieren, weil es an Anstand und Benehmen fehlte - dem wollte sich Georg Ratzinger ungern aussetzen.

Doch daneben gab es auch noch den ganz anderen "Cheef", nämlich den außerhalb des Probensaales oder der musikalischen Verpflichtungen. Und diesen "Cheef" haben wir (wenigstens die meisten von uns) tatsächlich geliebt fast wie einen Opa. Wenn allnachmittags vor den Proben die Türe seines Appartements aufging zur "Raubtierfütterung" (O-Ton Ratzinger), dann drängten sich Scharen der kleinen Sänger aller Chöre um ihn, um ein Bonbon oder einen Keks zu ergattern, die er stets vorrätig hatte und großzügig verteilte. Wenn man ihn auf dem Gang des "Kaffs" traf, legte er zwar stets Wert auf eine anständige Begrüßung (bubenhafte Frechheiten wie ein "Servus Cheef" überhörte er manchmal geflissentlich),  war aber von einer ungekünstelten Freundlichkeit und hatte für jedes Anliegen ein offenes Ohr, das ihm entgegengebracht wurde - genauso wie auch heute noch. Und selbst dann, wenn er von Sängern, sei es Knaben- oder Männerstimmen, während oder nach den Proben auf musikalische Probleme angesprochen wurde, war er trotz aller beanspruchten Richtlinienkompetenz bereit, auf konstruktive Vorschläge einzugehen.
Hätte es diese andere Seite des Domkapellmeisters nicht gegeben, dann hätte er mit seinen Domspatzen niemals den Ruf eines "der besten Chöre der Welt" (Zitat Papst Paul VI.) erlangt. Denn der musikalische Drill war eines, unsere Liebe zum "Cheef" das andere und letzlich wichtigere. Ohne die wechselseitige herzliche Zuneigung zwischen uns Sängern und unserem Domkapellmeister wären die großartigen Erlebnisse dieser Jahre nicht möglich gewesen. Wie ein Großvater seine Enkel, weihte er uns in die Wunderwelten des musikalischen Lebens ein, und den meisten von uns war bewußt, daß wir einen der besten Lehrer hatten, die man sich denken konnte.
Ich persönlich hatte darüber hinaus noch seit früher Kindheit das Glück, Domkapellmeister Ratzinger auch außerhalb seiner Amtsfunktion, sozusagen privat zu erleben: wenn er bei uns zuhause (einmal zusammen mit Prof. Ferdinand Haberl) am Eßtisch saß und sich die Zwetschgenknödel meines Vaters schmecken ließ, oder wenn wir ihn im Sommerurlaub in Brixen trafen und ungeniert mit ihm reden konnten. Humorvoll und geistreich erzählte er Anekdoten aus seinem Leben, und stets klang dabei die tiefe Liebe zur Musik und zu "seinen" Domspatzen durch, die sein Leben prägte - auch wenn er einmal bekannte, ein Jahr als Leiter eines solchen Knabenchores zähle von der körperlichen und geistigen Beanspruchung her mindestens wie drei normale Lebensjahre.

Warum erzähle ich das alles? - Weil ich damit dem Eindruck entgegentreten möchte, der in den jüngsten Medienberichten gelegentlich durchscheint: dem Eindruck, als seien bei den Domspatzen unter der Ära von Domkapellmeister Ratzinger Prügel, "Mißbrauch" oder Vertuschung völlig normal gewesen, und Georg Ratzinger drücke sich womöglich vor seiner Verantwortung. Ich persönlich kann nur noch einmal betonen: Meine Zeit bei den Domspatzen war gekennzeichnet von Strenge und Disziplin im Chorbereich und gleichzeitig großer Menschlichkeit und Warmherzigkeit des Domkapellmeisters. Für das eine haben wir ihn geachtet, für das andere aber geliebt - und die allermeisten seiner ehemaligen Schüler achten und lieben ihn dafür auch heute noch.
Mit einer Mischung aus Trauer, Wut und Scham beobachte ich daher, wie Außenstehende sich anmaßen, über Domkapellmeister Ratzinger Verdächtigungen und Anschuldigungen auszustreuen, die offensichtlich jeder Grundlage entbehren - und die jedem absurd erscheinen müssen, der Georg Ratzinger auch nur ein bißchen näher kennenlernen durfte. Ich glaube ihm jedenfalls jedes Wort, das er in diesen Tagen über sich und die Domspatzen sagt - weil es damit übereinstimmt, wie ich ihn und die Domspatzen seit nunmehr 33 Jahren aus nächster Nähe kennengelernt habe.

Kommentare:

  1. Danke, Herr Weber!
    Nichts anderes habe ich erwartet. Georg Ratzinger und sein Bruder sind Männer Gottes.

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  2. Es gibt keinerlei Grund, vor den öffentlichen und privaten Abtreibungs-Medien zu buckeln! Danke, Herr Weber.

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  3. Sehr geehrter Herr Weber, wie wäre es mit einer Solidaritätsaktion der Ehemaligen wie vor einigen Jahren bei Herrn Beringer vom Windsbacher Knabenchor, die sich auch einer ungeheuren Medienmacht erfolgreich entgegengsetzt haben? Wo sind eigentlich die Herren Kohlhäufl, Karl-Heinz Liebl und Pfr. Dr. Herbert Winterholler, die seinerzeit alle von Domkapellmeister Ratzinger profitiert und sich in seinem Licht gesonnt haben? Auch diese Herren wußten vom Zustand der Vorschule in Etterzhausen/Pielenhofen. Holt sie heraus aus ihrer falschen Verschwiegenheit, die sie bis jetzt an den Tag legen!

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  4. Der Hinweis ist berechtigt, daß bisher keinerlei öffentliche "Solidarisierung" ehemaliger Domspatzen mit Domkapellmeister Ratzinger zu bemerken ist. Prof. em. Kohlhäufl lebt im (Un-)Ruhestand bei Regensburg und ist als Chorleiter sehr aktiv, Karl-Heinz Liebl ist nach wie vor Leiter eines Nachwuchschores der Domspatzen, Dr. Winterholler ist Pfarrer in Regensburg St. Bonifaz.
    Warum sie schweigen, weiß ich nicht. Allerdings kann ich mir vorstellen, daß das Bistum Regensburg wünscht, sämtliche Stellungnahmen zu diesen Vorgängen nur "von ganz oben" zu verlautbaren. Interviews oder "Privatmeinungen" einzelner Kirchenangestellter könnten als kontraproduktiv eingeschätzt werden - und das womöglich mit Recht, wenn es um Etterzhausen und Pielenhofen geht. Ich selber kann dazu leider nichts Erhellendes beitragen, da ich nicht in der Vorschule in Etterzhausen war und auch von Betroffenen niemals konkrete Einzelheiten erfahren habe, sondern nur allgemeine Aussagen über ein eher rüdes Klima dort.

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  5. Thank you for this wonderful witness to Georg Ratzinger as choir master and as person. I have met him in 2007 and during our conversation of more than an hour I was deeply impressed by his integrity and warm humanity.

    A lovely person, a great musician!

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  6. Vielen Dank für diesen Artikel.

    Herzlicher Gruß
    Nettl

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  7. Sehr geehrter Herr Weber,

    ebenfalls ein "Ehemaliger" kann ich Ihre Worte nur unterstreichen und Ihnen ohne Einschränkungen beipflichten. Es ist beschämend, dass bis heute, also Wochen nach Beginn der Kampagne, selbst vernünftige Leute wie Günther Jauch Personen ein Podium bieten, die ganz offen bekennen, die "Institution Domspatzen zu hassen" und erklärtermaßen eine Art Vernichtungsfeldzug zu führen (so ausdrücklich Herr Alexander Probst im Interview mit dem Donaukurier).

    Bei allem Mitgefühl für diejenigen, denen tatsächlich Unrecht widerfuhr: Es ist Unrecht, deswegen einen Rachefeldzug auch gegen Personen zu führen, die mit den Tätern und deren Taten nicht das geringste zu tun haben. Wer um Hilfe gebeten hat und abgewiesen wurde, der kann mit Recht mit dem Finger auch auf Dritte zeigen. Wer aber nicht einmal seinen Eltern von den heimlichen Geschehnissen erzählt hat, die ein Einzelner zu verantworten hat, der kann doch nicht ernsthaft einem Chorleiter Verantwortung zuschieben, der denklogisch überhaupt nichts mitbekommen haben kann. Ich verstehe, welche Hemmschwelle besteht, sich als Missbrauchsopfer zu offenbaren. Ich will sicher niemanden kritisieren, dass er Jahrzehnte dafür gebraucht hat. Gleichzeitig kann es indes auch nicht angehen, nun so zu tun, als hätten alle davon gewusst und einen im Stich gelassen.

    Es ist gut und richtig, Unrecht beim Namen zu nennen. Wenn aber Fakten mit Unwahrheiten und korrekte Vorwürfe mit unwahren Unterstellungen vermischt werden und dadurch neues Leid verursacht wird, ist das ein Holzweg. Und es ist eine Tatsache: die aktuellen Buben im Chor leiden unter Spott und Häme und unter dem Generalverdacht sie lebten in einem "Sündenpfuhl". Dem ist mit allem Nachdruck entgegenzutreten.

    Im Übrigen verweise ich auf http://www.mittelbayerische.de/_misc/print/article_print.cfm?pk=536424&pid=1685&title=Leserbriefe.

    RA Dipl.-Kfm. Peter Kreilinger

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