Dienstag, 16. März 2010

In memoriam ... Dr. Konrad Ruhland

Dr. Konrad Ruhland
Geboren am 19. Februar 1932 in Landau a. d. Isar
Verstorben am 14. März 2010 in Deggendorf

In der Nacht vom Samstag auf Sonntag verstarb der Niederalteicher Musikwissenschaftler und Musiker Dr. Konrad Ruhland, seit Jahrzehnten eine der renommiertesten Musikerpersönlichkeiten in Niederbayern und weit darüber hinaus. Noch vor wenigen Wochen stellte er sein jüngstes Buch "MUSIKALISCHE RÄTSEL" der Öffentlichkeit vor und wirkte dabei trotz schwerer Krankheit vital und geradezu "verjüngt" - wie immer, wenn er sich intensiv mit alter Musik befassen konnte.
Das Choralrequiem und die Beisetzung finden am kommenden Samstag, dem 20. März, um 14 Uhr in der Basilika Niederalteich (Lkr. Deggendorf) statt. R. I. P.

Ich erlaube mir, hier im Andenken an diesen verdienstvollen Musikforscher und -praktiker einen Beitrag wiederzugeben, den ich im Jahr 2004 anläßlich der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes an Dr. Ruhland für die Deggendorfer Zeitung verfaßt habe.
Der Besucher steht vor einem unscheinbaren Reihenhaus in Niederalteich, doch schon dessen Türklingel könnte bei Musikfreunden Reliquienstatus erlangen. Nikolaus Harnoncourt oder Emma Kirkby haben sie gedrückt und unzählige andere Musikgrößen aus aller Welt, denn dahinter verbirgt sich eine der führenden Adressen für alles, was mit Musik vom Mittelalter bis zur Barockzeit zu tun hat: der Musikwissenschaftler Dr. Konrad Ruhland, der am 26. Mai in Passau das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse erhält.
Es sei die Familie seiner Mutter gewesen, erinnert sich Ruhland, in der die Musik zuhause war. Auf deren Bauernhof wurde gerne musiziert und auch vierstimmig gesungen, was angesichts von acht Geschwistern, mit denen der 1932 in Landau an der Isar geborene Konrad aufwuchs, nicht schwierig war. Eine erste systematische Musikausbildung erfuhr er im Knabenseminar in Passau, wo er als Domsingknabe die alten Meistern der Vokalmusik kennenlernte. Schon als junger Alumnus, so erzählt er, habe er sich tagelang in frostigen Archivkämmerchen einschließen lassen, um die 33 Bände der Palestrina-Gesamtausgabe zu studieren. Die Liebe zu dieser „Alten Musik“ begleitet seither sein ganzes Leben.
In München studierte er zunächst Theologie und Mittellatein und wandte sich schließlich der Musikwissenschaft bei den Professoren Thrasybulos Georgiades und Theodor Göllner zu. Ein Konzert der Gruppe „Pro Musica Antiqua Brüssel“ führte dazu, daß Ruhland mit gleichgesinnten Studenten 1956 die „capella antiqua München“ ins Leben rief, die er 25 Jahre lang leiten sollte. Akribische wissenschaftliche Fundierung des Musizierens und die Verwendung originaler Notationen und Instrumente wurden zum Markenzeichen der zunächst neun, später neunzehn Musiker, die sich in kürzester Zeit im professionellen Musikbetrieb nicht nur behaupteten, sondern eine führende Stellung erlangten. In einer Zeit, da das Interesse an „historischer Aufführungspraxis“ eben erst erwachte und man kaum auf Vorbilder zurückgreifen konnte, setzte die „capella antiqua“ Qualitätsmaßstäbe, die bis heute Gültigkeit besitzen. Durch die Zusammenarbeit mit Koryphäen wie Harnoncourt, durch zahllose Konzerte in aller Welt und über hundert Schallplatten erwarb sich das Ensemble einen geradezu legendären Ruf im Bereich der vorklassischen Mehrstimmigkeit und der Gregorianik.
Niederalteich, seit 1962 ein regelmäßiger Probenort für die „capella antiqua“, wurde für Ruhland, seine Frau Elisabeth und die drei Kinder schließlich auch eine Heimat. 1968 begann er am dortigen Gymnasium eine Tätigkeit als Musiklehrer, die bis 1991 währte und deren Nachwirkungen bis heute spürbar sind. „Es gab Staunende, Abgeschreckte, Bewunderer, sich Öffnende, Überraschte, aber nie Gelangweilte oder auch nur Pflichterfüller“ – so umschreibt ein damaliger Kollege Ruhlands schulisches Wirken: „Wo er war, pulsierte musikalisches Leben.“ Dieses schlug sich nieder in einer unübersehbaren Zahl an Schulkonzerten, die er mit Gemischtem Chor, Mädchen-Choralschola und Dreigesang auf überragendem Niveau durchführte. Eine dreijährige Beurlaubung ermöglichte ihm die Fertigstellung seiner Dissertation „Der mehrstimmige Psalmvortrag im 15. und 16. Jahrhundert“, mit der er 1975 in München zum Dr. phil. promoviert wurde.
Die hierzulande bekannteste Frucht von Ruhlands pädagogischem Wirken waren die „Niederaltaicher Scholaren“. Unter diesem Namen führte er ab 1976 ehemalige Schüler zu einem hochklassigen Konzertchor zusammen. Keine ausgetretenen Pfade in der Repertoireauswahl, Wiederaufführung regionaler Komponisten, möglichst originalgetreues und gleichzeitig potentes Musizieren – dies war das Credo des Ensembles, das bis in die neunziger Jahre bestand und dessen Qualität in mehr als 15 Einspielungen dokumentiert ist.
Neben der Tätigkeit als Dirigent und Pädagoge erwarb sich Konrad Ruhland in über fünf Jahrzehnten einen internationalen Rang als Fachmann für historische Aufführungspraxis und musikalische Quellenkunde, dem heute nur wenige gleichkommen. Die Repertorien der berühmtesten Musikbibliotheken kennt er wie seine Westentasche. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht Wissenschaftler und Musiker sich bei ihm die Türklinke in die Hand geben, um Auskünfte einzuholen. Ein tonnenschwerer Fundus an Handschriften- und Notenbeständen dient dabei als unerschöpfliche Quelle – geschätzte 200 Jahre würde es dauern, sein Archiv für den Druck zu bearbeiten. Rare historische Instrumente aus seiner Sammlung werden regelmäßig von namhaften Interpreten für Aufführungen und Plattenaufnahmen ausgeliehen. Die Zahl seiner Noteneditionen süddeutscher Komponisten geht in die hunderte. Wo er darüber hinaus noch Zeit findet, greift er zur Gambe oder anderen Instrumenten und musiziert in verschiedenen Ensembles.
Stets ist es das Ungewöhnliche und das erst im Entstehen Begriffene, was Ruhland reizt. So waren es nicht die „großen“ Komponisten wie Bach oder Mozart, denen er sein Lebenswerk widmete; sie betrachtet er als „Schlußpunkte“ musikalischer Entwicklungen. Sein Interesse gilt der Evolution, dem „Humus“ des regionalen, bodenständigen Musizierens, in dem die Kunstfertigkeit auch dieser größten Meister verwurzelt ist. Sein scharfes Urteil ist eingebettet in eine universale Bildung; nie betrachtet er die Musik isoliert, sondern reflektiert sie in ihrem geschichtlichen, theologisch-liturgischen und sprachlichen Kontext. Mit dem Detailbewußtsein des Wissenschaftlers löckt er wider den Stachel musikalischer Kleingeister, die seinem umfassenden Qualitätsanspruch nicht gerecht werden. Die Erkenntnis, daß „der Pfennig nichts gilt, wo er geschlagen wird“, und die geistige und materielle Unabhängigkeit seines (Un-)Ruhestandes lassen ihn auch Widerspruch gelassen ertragen.
Auf die Frage nach Zukunftsplänen lächelt Konrad Ruhland verschmitzt: „Weiterarbeiten wie bisher, solange es die Gesundheit erlaubt“ ist seine kurze Antwort. Man glaubt es gerne, denn er führt nicht ein Leben mit Musik, sein Leben ist vielmehr die Musik. Wer könnte da schon einfach aufhören?

Kommentare:

  1. Ich durfte leider erst im letzen Jahr ihn persönlich kennen lernen und mit ihm arbeiten.
    Was, neben dem unvorstellbaren Wissen faszinierend war, war die Energie und Begeisterungsfähigkeit, mit der er sich auf musikalische Themen stürzte. Er wird fehlen!
    Manfred Hößl

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  2. Ich bin sehr traurig als ich über Wikipedia vom Tode Dr. Ruhland erfuhr. Seine Einspielungen haben meine Liebe zur Gregorianik geweckt. R I P

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  3. Der Kommentar wurde von einem Blog-Administrator entfernt.

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