Samstag, 6. März 2010

Annus horribilis

Das von Papst Benedikt XVI. ausgerufene "Jahr der Priester" entwickelt sich für die katholische Kirche in Deutschland immer mehr zu einem "annus horribilis", zu einem Jahr der Schrecken. Nicht die Würde und Schönheit des Priesterberufes steht im Focus der öffentlichen Wahrnehmung, sondern täglich neue Beispiele aus der jüngeren und vor allem älteren Vergangenheit, daß auch ein Priester nicht per se vor dem Bösen gefeit ist. Und es ist wohl keine Unterstellung, wenn man bei der Mehrzahl von Medienberichten über diese Vorgänge andere Motive vermutet als nur den Wunsch nach seriöser Information.

Mit den "Regensburger Domspatzen" hat der Tsunami von Mißbrauchsvorwürfen nun auch die Kirchenmusikszene erreicht, und es werden sicher nicht die letzten Wellen sein, die an die kirchlichen Ufer branden. Noch liegen scheinbar die Details der Vorgänge im Dunkeln, die sich in den 50er und 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts ereignet haben. Nach den Angaben, die auf der WEBSITE DES BISTUMS REGENSBURG veröffentlicht sind, handelt es sich ausschließlich um Geschehnisse in der Ära von Domkapellmeister Theobald Schrems, der auf den ersten Fall im Jahr 1958 offenbar umgehend mit der Entfernung des betreffenden Priesters reagierte.
Der zweite Fall betrifft den Priester Georg Zimmermann (1916-1984), der im Jahr 1959 für acht Monate die Internatsleitung bei den Domspatzen innehatte und nach einem Musikstudium (1959-1964) von 1964 bis 1969 als erster DIÖZESANMUSIKDIREKTOR DES BISTUMS REGENSBURG tätig war. Obwohl er nach den jüngsten Angaben des Bistums im Jahr 1971 wegen Übergriffshandlungen zu 11 Monaten Haft verurteilt worden war, erfreute er sich in seinem Heimat- und Ruhestandsort Eslarn offenkundig GRÖSSTER BELIEBTHEIT.

Welchen Sinn hat es, diese Ereignisse heute wieder aufzugreifen? Nun, vielleicht diesen: den (teilweise noch nicht einmal bekannten) Opfern eine Möglichkeit zu bieten, aus der Anonymität ihrer Seelenqualen herauszutreten, und ihnen wenn auch spät eine moralische Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die über die damalige strafrechtliche Verfolgung der Vorfälle hinausgeht.
Was mich als ehemaligen Regensburger Domspatzen der Absolvia 1986 jedoch weniger betroffen als vielmehr wütend macht, sind die ziemlich durchsichtigen Versuche, durch derartige "Enthüllungen" zunächst den ehemaligen Domkapellmeister Georg Ratzinger und dadurch mittelbar auch seinen Bruder, Papst Benedikt XVI., in den Geruch einer "Mitwisserschaft" zu bringen. Allein durch die oben dargelegten Zeitabläufe besteht für mich persönlich kein Anlaß, an der Glaubwürdigkeit von Domkapellmeister Ratzinger zu zweifeln, wenn er jede Kenntnis von Mißbrauchsfällen zu seiner Amtszeit (1964-1994) bestreitet. Im Gegenteil: ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, daß es besonders unser "Cheef" war, der - aus damals wie heute berechtigter Vorsicht - im chorischen Bereich auf einer weitgehenden Trennung von Knaben- und Männerstimmen bestand, um keinen Anlaß zu "verfänglichen" Situationen zu bieten. Knaben- und Männerstimmen waren auf Konzertreisen in der Regel nie zusammen in einer Gastfamilie untergebracht; sogar im "Kaffbomber", dem institutseigenen Omnibus, waren sie durch eine Glastüre räumlich voneinander getrennt. Und selbst scherzhaftes "Anbandeln" zwischen den Sängergenerationen wurde stets mit einem energischen "Männer, gehts von de Knaben weg!" unterbunden.
Auch was Schule und Internat in Regensburg angeht, sind mir aus meiner eigenen Zeit nicht die leisesten Anhaltspunkte in Erinnerung, daß es hier zu aus heutiger Sicht ungehörigen Übergriffen irgendwelcher Art gekommen sein könnte. Als externer Schüler hatte ich zwar keinen unmittelbaren Einblick, was während der Studierzeiten und im Internat alles ablief, doch spätestens in der Oberstufe war der Kontakt mit den Internatsschülern so eng, daß entsprechende Andeutungen unweigerlich auch uns Stadtschülern zu Ohren gekommen wären.

Im Zusammenhang mit dem oben erwähnten "Jahr der Priester" drängen sich mir bei all diesen Umständen immer wieder Fragen auf: Ist es vielleicht gar kein "Zufall", daß diese Geschehnisse, die so lange vor sich hin geschlummert haben, ausgerechnet heute (wieder) ans Tageslicht kommen? Dient dies vielleicht im göttlichen Heilsplan einer notwendigen "Katharsis", einer gründlichen und auch in die Vergangenheit zurückreichenden "Reinigung" des Priesterstandes, um so das wahre Profil des Priesters wieder deutlicher hervortreten zu lassen? Mußte dies vielleicht erst unter dem Pontifikat dieses Papstes geschehen, der schon bei entsprechenden Vorgängen in den USA und in Irland bewiesen hat, daß er das Übel an der Wurzel packen will?
Nicht zuletzt kommt mir in den letzten Tagen immer wieder ein Wort des Herrn in den Sinn, das womöglich einen Schlüssel zum Verständnis all des Ungemachs bietet, das derzeit über die katholische Kirche und ihre Priester hereinbricht - und zugleich die Hoffnung nährt, daß auch daraus letztlich Gutes für die Kirche erwachsen wird:
"Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast, dann stärke deine Brüder." (Lk 22, 31f)

Kommentare:

  1. Grüß Gott Herr Weber. Danke für Ihren Kommentar!
    Ich habe in den letzten Tagen zwei Leserbriefe an rennomierte deutsche Tageszeitungen geschrieben mit ähnlichem Tenor wie Sie. Die Rheinische Post (Düsseldorf) hat sich sogar verstiegen den Papst "Georg Ratzinger" zu nennen, der einstmals "Domkapellmeister der Regensburger Domspatzen" gewesen sei. ...Es wird schon was hängen bleiben.
    Ansonsten bleibt uns nur die Treue und das Gebet.
    hjba

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  2. Sehr ausgewogen und gute Gedankengänge! Ich möchte Ihnen gratulieren und alles Gute wünschen!

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