Donnerstag, 4. Februar 2010

Always look on the bright side ... ?

Immer wieder passiert es mir, daß ich einen Artikel zu irgendeinem Thema lese - und plötzlich denke: Genau das trifft auf die Situation der katholischen Kirche zu, wie sie sich in unseren Landen darstellt. So auch heute, als ich zufällig in der Onlineausgabe des Züricher Tagesanzeigers auf den Beitrag DER WAHN DES POSITIVEN DENKENS stieß. Der handelt zugegebenermaßen von einem ganz unkirchlichen Thema: Von Verhältnissen in Amerika, von einer Journalistin und promovierten Biologin, die an Krebs erkrankt - und sich dagegen wehrt, ihre Krankheit unter dem verbreiteten "Zwang zum positiven Denken" als "Chance" zu sehen.
Und dann liest man dort Sätze wie die folgenden:
"Hier ging es nicht darum, tapfer zu sein, und schon gar nicht um eine gesunde Portion Optimismus, sondern um den Glauben, kraft positiven Denkens dem Krebs [dem kirchlichen Niedergang?] den Garaus machen zu können. Um eine Haltung, die zu einem kollektiven Wahn geworden war und die da lautet: Alles ist möglich, man muss nur fest genug wollen. Man muss nur genug positiv sein. (...) Immer nur das Positive sehen, selbst dann, wenn das Glas nicht nur leer ist, sondern längst zerbrochen am Boden liegt.
Barbara Ehrenreich fragt: Wie soll der blosse Vorgang des positiven Denkens eine bestimmte Tatsache verändern können? Da habe sich ein Land [die Kirche?] ein Mantra zusammengeschustert, das dem Aberglauben gefährlich nahekomme.
Und sie sagt: Dieses Land [diese Kirche?] muss wieder begreifen, dass das Gegenteil des positiven Denkens nicht Pessimismus ist. Sondern die Fähigkeit, Situationen realistisch einzuschätzen und kritisch zu hinterfragen. Dies ist aber mittlerweile derart verpönt, dass allein 'negativ sein' ein Kündigungsgrund [ein 'Exkommunikations'grund?] sein kann. Wobei dieses 'negativ sein' schlicht darin bestehen kann, zu viele Fragen zu stellen und damit unangenehm zu sein. (...)
Wer kritisch nachfragte, gewisse Handlungen hinterfragte, am Erfolg zweifelte, Risiken als zu hoch einschätzte, der hatte 'a negative attitude'. Und das mochte man gar nicht, die Leute wurden entlassen oder mundtot gemacht. (...)
Wenn positives Denken zur Folge hat, dass Unangenehmes nicht mehr thematisiert werden darf, weil damit die kollektive Harmonie gestört wird, dann ist das nicht positiv und nicht gut. Es führt dazu, dass die Realität ausgeblendet wird, dass man sich eine eigene, harmlose Welt zusammenzimmert. Probleme werden so keine gelöst."
Verbreitet nicht gerade hierzulande die katholische Kirche eben dieses wohlfeile Lebensmotto des Brian "always look on the bright side" - in den Predigten der Bischöfe und Priester, in den Statements der bischöflichen Pressestellen, kirchlichen Bediensteten und Berufslaien, um sich unter dem Deckmantel eines angeblichen christlichen Optimismus der unangenehmen Aufgabe zu entziehen, den zum Himmel schreienden Mißständen etwa in Verkündigung, Liturgie oder auch Kirchenmusik endlich einen Riegel vorzuschieben? Werden nicht auch innerkirchlich diejenigen mit "a negative attitude" gebrandmarkt und mundtot gemacht, die die kollektive Harmonie stören, die den "Zwang zum positiven Denken" als das entlarven, was er ist: als Wahn, als zerstörerischen Selbstbetrug?
Die oben zitierte Wissenschaftlerin kommt aufgrund zahlreicher Studien übrigens zu dem Schluß, daß "... noch nie ein günstiger Effekt des positiven Denkens auf eine Krankheit wie Krebs nachzuweisen war." Auch die Kirche wird sich nicht "gesundbeten" können - und doch verweigert sie sich noch immer in weitesten Bereichen den von Papst Benedikt XVI. angestoßenen Heilungsmaßnahmen, die dieser bislang ohnehin nur in "homöopathischen Dosen" verordnet, obwohl über kurz oder lang nur noch einschneidende Operationen Hilfe bringen können.

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