Mittwoch, 13. Januar 2010

Kirchenmusik und "actuosa participatio"

Wie angekündigt, möchte ich auf das gestern hier vorgestellte Referat von Msgr. Guido Marini zurückkommen und zunächst auf ein Stichwort eingehen, das in der kirchenmusikalischen Praxis immer wieder für Irritationen sorgt: die "actuosa participatio", die "aktive Teilnahme". Msgr. Marini sagt dazu im vierten Abschnitt seines Vortrags (zitiert nach der Übersetzung von EXSULTET.NET, Hervorhebungen von mir):
"Selbstverständlich handelt es sich um aktive Teilnahme, wenn jemand im Laufe der liturgischen Feier einen eigenen Dienst erfüllt; es handelt sich auch um aktive Teilnahme, wenn jemand ein besseres Verständnis des Wortes Gottes hat, wenn er es hört, oder der Gebete, wenn sie gesprochen werden; es handelt sich auch um aktive Teilnahme, wenn man seine eigene Stimme mit den anderen im Gesang vereint… All dies würde jedoch nicht die Bedeutung einer wahrhaft aktiven Teilnahme kennzeichnen, würde sie nicht zur Anbetung des Geheimnisses der Erlösung in Christus Jesus führen, der um unseretwillen gestorben und auferstanden ist. Denn nur wer das Mysterium anbetet, indem er es in sein Leben aufnimmt, zeigt, dass er verstanden hat, was gefeiert wird, und das ist wirklich Teilnahme an der Gnade der liturgischen Handlung. (...)
Im Vergleich dazu ist alles andere zweitrangig. Ich beziehe mich insbesondere auf die äußerlichen Handlungen, die zugegebenermaßen wichtig und notwendig sind, und vor allem während der Liturgie des Wortes vorgesehen. Ich erwähne äußerliche Handlungen, weil, sollten sie zu einer essenziellen Hauptbeschäftigung und die Liturgie auf einen generischen Akt reduziert werden, in diesem Fall der wahre Geist der Liturgie missverstanden wurde. (...)
Sind wir wirklich sicher, dass die Förderung einer aktiven Teilnahme darauf beruht, alles so weit wie möglich unmittelbar verständlich zu machen? Könnte es nicht sein, dass das Eintreten in das Geheimnis Gottes erleichtert und manchmal sogar besser von dem begleitet werden könnte, was in erster Linie die Einsicht des Herzens berührt? Ist es nicht oft der Fall, dass ein unverhältnismäßig hoher Anteil der leeren und banalen Rede überlassen wird, während man vergisst, dass sowohl Dialog als auch Stille zur Liturgie gehören, wie auch Gesang der Gemeinde und Choral, Bilder, Symbole, Gesten? Gehören nicht vielleicht auch die lateinische Sprache, der gregorianische Choral und die sakrale Polyphonie zu dieser vielfältigen Sprache, die uns in die Mitte des Geheimnisses führt?"
Die Erfahrung lehrt, daß noch immer versucht wird, mit dem Hinweis auf die vom II. Vatikanischen Konzil geforderte "aktive Teilnahme" der Gläubigen an der Liturgie die Kirchenmusik auf reinen oder wenigstens überwiegenden Volksgesang zu reduzieren und die Kirchenchöre in ihrer angestammten und legitimen "aktiven Teilnahme" zu beschneiden, vor allem dort, wo sich diese Teilnahme womöglich noch in lateinischen Gesängen äußern könnte. Oft genug kann der Eindruck entstehen, die Kirchenmusiker - Organisten, Chorleiter, Sänger - würden selbst nicht als "Gläubige" wahrgenommen, die mit dem äußeren Tun sowohl eigenen Lobpreis und Anbetung vor Gott ausdrücken als auch stellvertretend für das übrige Gottesvolk handeln, sondern als außenstehende Dienstleister, die dem selbstgenügsamen gruppendynamischen "sich Einbringen" der Gemeinde eher hinderlich als förderlich sind.
(Aus langjähriger eigener Erfahrung sei zugegeben, daß die Art und Weise der "actuositas" bei vielen auf die Sänger- und Orgelempore "outgesourcten" Musikern durchaus nahelegt, daß auch sie weit von "authentischer Teilnahme" entfernt sind. Von anbetender Haltung ist oft nicht viel zu spüren, wenn dort noch nach Noten gesucht, mit den Kollegen der neueste Tratsch ausgetauscht oder die Garderobe inspiziert wird. Und allein die technischen Vorgänge des Musizierens erfordern oft mehr Aufmerksamkeit, als einem selber lieb sein kann. Selbst dem über alle diesbezüglichen Zweifel weit erhabenen Domkapellmeister Georg Ratzinger entfuhr einst bei einem Domamt in Regensburg der barsche Satz an seine Domspatzen "für Frömmigkeit hamma jetz koa Zeit, jetz muaß's funktioniern!")

Entscheidend für das rechte Verständnis der "actuosa participatio" ist die Orientierung aller Beteiligten "hin zum Herrn", die Msgr. Marini im zweiten Abschnitt seines Vortrages thematisiert. Diese Hinwendung muß möglichst auch sichtbar, zumindest aber im Herzen vorhanden sein, denn die eigentliche "actio" in der Liturgie geht nicht vom Menschen aus, sondern von Gott selbst. So müßte der Begriff eigentlich übersetzt werden als "Teilhabe am göttlichen Handeln". Wo "aktive Teilnahme" demnach einfach als äußerliches "Mitmachen", als spirituell angehauchte Unterhaltung oder gar als kollektive Bespaßung mißverstanden wird, dort wird die Liturgie selbst pervertiert. Was bedeutet dies nun für die Kirchenmusik? Die Ausführungen von Msgr. Marini lassen folgende Schlüsse zu:
  • Authentische "actuosa participatio" bezeichnet die spirituelle Grundhaltung der Anbetung und ist keine Frage äußerlicher Geschäftigkeit, diese kann im Gegenteil echter "actuositas" sogar entgegenstehen. Auch wer in der Liturgie schweigt und sich so mit dem liturgischen Geschehen vereint, nimmt aktiv daran teil.
  • Nicht nur das Singen der Gemeinde als ganzer, sondern auch die Tätigkeit der besonderen musikalischen Dienste (Kirchenchor, Kantor, Organist etc.) ist dann eine authentische "aktive Teilnahme" an der Liturgie, wenn sie zur Anbetung hinführt.
  • Damit die Musik tatsächlich jene von Msgr. Marini so benannte "vielfältige Sprache, die uns in die Mitte des Geheimnisses führt" sein kann, muß von den Verantwortlichen mit größter Sorgfalt darauf geachtet werden, daß sie durch ihre Auswahl und Gestaltung nicht zum äußerlichen Zierrat wird, sondern dem Anspruch des II. Vatikanischen Konzils und der kirchlichen Tradition gerecht wird, selbst Bestandteil der Liturgie zu sein.
Dies ist nur möglich, wenn die Kirchenmusik ihre enge Bindung an die liturgische Handlung bewahrt, wie es exemplarisch im Gregorianischen Choral und der klassischen Mehrstimmigkeit der Fall ist. Diesem Aspekt, den Msgr. Marini im fünften und letzten Abschnitt seines Vortrages behandelt, werde ich ebenfalls noch einen Beitrag widmen.

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